Die Weltenwandlerin

Für Grace wird ihre Kindheit zu einem Wunderland, als sie den Gestaltenwandler Eweligo kennenlernt. Mit einem magischen Ring bringt er sie nach Tybay. Dort findet sie neue Freunde und verbringt viel Zeit in dieser Welt voller Magie und Legenden. Als sie dann aber die Liebe ihres Lebens in ihrer Welt kennenlernt, muß sie Tybay hinter sich lassen und wird gezwungen, diese Teile ihrer Kindheit zu vergessen.
Viele Jahre später schicken sich die dunklen Mächte an, die Macht in Tybay an sich zu reißen. Ohne es zu wissen, wird Grace zum Angelpunkt dieser Auseinandersetzung und gerät in einen Strudel aus längst vergessenen Erinnerungen und dem Kampf um die Freiheit von Tybay, Sie fühlt sich hin und her gerissen zwischen ihrer neuen Liebe und ihrer Bestimmung. Ob sie es schafft, die Hoffnungen zu erfüllen, die eine ganze Welt in sie setzt?

Taschenbuch Ausgabe (406 Seiten)
(ISBN 3-937817-07-7)
12,90 EUR

eBook
(ISBN 978-945230-02-2)
8,90 EUR

Leseprobe:

Die Weltenwandlerin

Der Dachboden war über eine Treppe hinter einer Tür am Ende des Flurs im obersten Stockwerk zu erreichen. Während sie die Tür aufschloß, wurde ihr bewußt, daß es sicher schon acht Jahre her war, seit sie das letzte Mal dort oben gewesen war. Ihre Neugierde wuchs. Sie konnte es kaum noch erwarten, alles neu zu entdecken, was auf dem Dachboden stand. Vorsichtig stieg sie die staubige Holztreppe hinauf. Helles Tageslicht schien durch die Fenster und erhellte den Raum. Am Ende der Treppe angelangt, blickte sie sich um. Der Dachboden wirkte auf den ersten Blick klein, aber das lag nur daran, daß er durch die vielen Türmchen und Schrägen des Daches so verwinkelt war. Viele Ecken waren von hier aus gar nicht zu sehen.
Zuerst öffnete Grace ein Fenster, um trockene und abgestandene Luft durch die frische Sommerluft zu ersetzen.
„Dann wollen wir ‚mal“, sprach sie sich selbst Mut zu und begann den Raum zu erforschen.
Nichts war sortiert. Das Jugendbett stand direkt neben ihrem Puppenhaus und dem alten Schaukelpferd aus Holz. Unzählige Kleider hingen und lagen in Schränken und Truhen. Grace fand ebenso viele Dinge, an die sie sich nicht mehr erinnern konnte, wie Dinge, die sie noch gut kannte. Berge von Spielzeug türmten sich neben Kisten mit Babykleidern und Büchern. Grace zog einige der unbeschrifteten Kisten hervor und öffnete sie. Sie freute sich, Schätze wiederzuse-hen, die sie lange verloren geglaubt hatte. Dinge, die ihr damals nicht mehr wichtig gewesen waren.
In einem Karton mit Büchern fand sie auch einen Stapel ihrer alten Zeichnungen, die sie damals für gut gehalten und deshalb aufgehoben hatte. Auch einige Bastelarbeiten aus der Grundschule lagen in der Kiste. Als sie sich die merkwürdigen Zeichnungen von Burgen, Landschaften und fremdartig aussehenden Wesen ansah, beschlich sie ein merkwürdiges Gefühl. Sie glaubte, sich an etwas Vertrautes zu erinnern, das besser vergessen bleiben sollte. Aus einem Impuls heraus stand sie auf, ging zur Treppe zurück und stieg hinab. Auf dem Absatz unten vor der Tür wandte sie sich um und kniete vor der ersten Stufe nieder. Ihre Finger tasteten an der vordersten Diele am Treppenansatz entlang. Nach kurzem Suchen fand sie das Loch an der linken Kante des Brettes. Sie steckte ihren linken kleinen Finger in das staubige Loch und zog. Das lockere Brett gab nach und ließ sich abnehmen. Grace lächelte, als sie sich daran erinnerte, wie ihr Vater sich immer über das lockere Brett geärgert hatte. Er war allerdings auch immer zu bequem gewesen, es wieder anzunageln, da es ja auch nicht gefährlich war. Ihr Vater war einfach kein Handwerker gewesen. Aus den Augen, aus dem Sinn, dachte Grace amüsiert, was im doppelten Sinne jetzt auch auf sie zutraf.
Unter dem Brett war ein flacher Hohlraum. Diesen hatte Grace oft genutzt, um dort Dinge zu verstecken, die sie vor den Augen ihrer Eltern schützen wollte. Sie entdeckte obenauf ein paar Fotos von Andrew. Es waren ältere Bilder und ein Zeugnis ihrer Freundschaft und späteren Liebe. Da Grace zu Beginn nicht wußte, wie ihre Eltern auf ihre Schwärmerei reagieren würden, hatte sie ihre Freundschaft zuerst verborgen. Sie fand ein paar alte Zeitungsberichte von damaligen Superstars, deren Musik ihre Eltern verboten hätten. Dazu eine Musikkassette, die sie ganz sicher nicht mehr anhören würde.
„Ach je!“, lachte sie und zog ein Erinnerungsstück nach dem anderen heraus. Rasch leerte sich das Fach. Als Grace bereits glaubte, es sei schon leer, bemerkte sie eine schwarz bemalte Streichholzschachtel in der hintersten Ecke. Neugierig nahm sie die Schachtel heraus und drehte sie in der Hand. Zu diesem Gegenstand wollte ihr überhaupt nichts einfallen, egal wie lange sie darüber nachdachte. Schließlich zuckte sie mit den Schultern und öffnete die Schachtel. Die kleine Schublade kam heraus und gab den Blick auf einen goldenen Anhänger an einer Kette frei. Grace starrte überrascht auf das Geschmeide und überlegte noch angestrengter, wo dies herstammen könnte. Ihr fiel einfach nicht ein, wo sie es schon einmal gesehen haben könnte. Sie war sich nicht einmal sicher, ob es überhaupt ihr gehörte.
Ihre Fingerspitzen tasteten danach und nahmen es behutsam aus seinem dunklen Grab. Irgendwie fühlte sich das Geschmeide warm und vertraut an. Von der Mitte der goldenen Scheibe strahlte Grace die Sonne entgegen. Am Rand war sie mit fremdartigen Symbolen verziert, und Grace fragte sich, ob es keltische Runen sein könnten. Um sie besser erkennen zu können, ging sie an eines der Fenster der Sonnenseite. Als sich der erste Sonnenstrahl auf dem Anhänger brach, glaubte Grace zu spüren, wie das Leben in etwas Totgeglaubtes zurückkehrte. Die Sonne spiegelte sich in ihrem kleineren Abbild. Grace schloß geblendet die Augen, doch vor ihrem inneren Auge war es nicht dunkel. Wie aus einem tiefen Nebel stiegen Bilder in ihr hoch. Sie waren zuerst verschwommen und verwirrend, aber bald darauf mischten sich auch Empfindungen dazu. Als sich Grace nur wenige Augenblicke später aus der Sonne drehte und die Augen öffnete, fühlte sie sich irgendwie verändert. Verwirrt und überrascht stellte sie fest, daß jetzt klare Gedanken und Erinnerungen in ihrem Kopf waren, die sie zuvor nicht gehabt hatte. Sie begannen mit einem Mann und einem merkwürdigen Wesen mit Flügeln. Es war im Garten, und sie war damals noch sehr klein gewesen. Der Mann war schmutzig, aber trotzdem nicht schäbig gekleidet. Obwohl er verletzt war, hatte sie keine Angst vor ihm gehabt. Als Kind war es ihr noch nicht wichtig erschienen, warum er sie nach einem sicheren Weg zum Stall des Anwesens gefragt hatte. In ihrem kindlichen Eifer hatte sie ihm Auskunft darüber gegeben. Aber was, wenn er ein Gewaltverbrecher oder Schlimmeres gewesen wäre, der ein Versteck gesucht hatte? Doch als Kind dachte man über solche Dinge nicht nach.
Aber dann war etwas geschehen, das sie erschreckt hatte. Innerhalb einer Minute verwandelte sich der nette Mann in einen verängstigten und gehetzten Menschen. In seiner Not und Verzweiflung hatte er ihr seinen kostbarsten Besitz überlassen. Sie sollte ins Haus laufen und die Kette verstecken. Das hatte sie getan, so gut, daß sie selbst das Versteck vergessen hatte. Aber da war noch mehr. Mit dieser Erkenntnis wußte sie, daß ihr noch etwas fehlte.
Grace steckte die Kette rasch in ihre rechte Hosentasche, sprang die Treppen hinunter und eilte in ihr Zimmer. Die Tür war offen, und sie lief direkt zum Kosmetiktisch. Ihre Eltern hatten ihr Zimmer zwar in ein Gästezimmer verwandelt, aber sie wußte, daß dieser Raum ihr vorbehalten war. Zum einen verfügte das Haus über drei weitere Gästezimmer, zum anderen waren hier noch einige ihrer Sachen, wie Kosmetik, Kleider und Schmuck verblieben. Unter anderem war da eine kleine Schmuckkassette, die noch Geschmeide enthielt, das sie seit ihrer Kindheit besaß und das zu wertvoll war, um auf den Dachboden zu wandern. Mit zitternden Händen griff sie nach der Kassette und öffnete sie. Kurz wühlte sie darin herum, dann wurde sie von ihrer Ungeduld überwältigt und stellte sie kurzerhand auf den Kopf. Der Inhalt fiel heraus und sprang kreuz und quer über den Tisch. Sofort ärgerte sich Grace über ihre Unüberlegtheit, fand aber trotzdem sofort, was sie suchte. Alles andere war nicht wichtig. Ihre Finger stießen nach dem goldenen Ring wie ein Adler auf seine Beute. Sie starrte auf die Runen, die auf den breiten Rand graviert waren und erkannte ähnliche Symbole wie auf der Münze.
Kann es wahr sein? fragte sie sich. Ihr Körper zitterte vor Erregung. Ohne über die Folgen nachzudenken, streifte sie den Ring über den Finger der rechten Hand. Obgleich nichts wirklich Offensichtliches geschah, fühlte sie sich anders, als ob etwas sie irgendwo hinzog. Ihre Füße machten sich selbstständig, und ehe sie sich versah, war sie bereits aus dem Zimmer heraus. Sie eilte die Treppen hinab und rannte aus dem Haus. Schneller, immer schneller fand sie ihren Weg in den Stall. Mit klopfendem Herzen und rasendem Puls blieb sie vor der hintersten Wand des Pferdestalls stehen. Die Pferde, die einst hier gewesen waren, hatte ihr Vater schon lange zuvor verkauft. Der Stall stand leer und sie vermißte die einstigen Bewohner nicht mehr.
Sie hob behutsam ihre Hand bis auf Brusthöhe und streckte sie vor. Da war kein Widerstand, als ihre Hand eigentlich die Holzwand hätte berühren sollen. Statt dessen spürte sie, daß ihre Hand irgendwo hindurchglitt, das sich wie Pudding anfühlte. Das erklärte, warum sie diese nicht mehr sehen konnte. Als sie ihren Arm hin und her bewegte, sah sie, daß um ihren Armstumpf herum die Realität verschwamm, wie eine ruhige Wasseroberfläche, in die jemand einen Stein geworfen hatte. Grace zog die Hand zurück und betrachtete sie, aber da war keine sichtbare Veränderung. Ihr Herz raste noch immer, als sie den Ring vom Finger zog und neben sich auf eine der Türen der Pferdeboxen legte. Dann trat sie wieder vor und streckte ihre Hand aus. Die Holzwand war wieder das, was sie sein sollte. Ihre Finger berührten die vertraute, feste Oberfläche. Die unsichtbare Schwelle war nicht fühlbar.
„Also gut!“, flüsterte Grace. Dann wirbelte sie herum, nahm den Ring, steckte ihn sich wieder an den Finger und trat entschlossen vor. Ihr Atem beschleunigte sich, aber es war nur Aufregung, keine Furcht. Es waren wieder ihre Füße, die die Entscheidung trafen und sich mutig und eigenwillig bewegten. Grace betrat eine andere Welt.