Der Weltenwandler

Mehr als acht Jahre regiert Königin Grace nun alleine über Tybay. In all der Zeit gab es nie ein Lebenszeichen von ihrem Ehemann Shawn oder dem Dunklen Wesen, welches ihn entführt hatte. Dann taucht plötzlich ein tot geglaubter Verbündeter auf: Faija. Er hat den König und das Etwas auf einem anderen Planeten gefunden.
Während Grace ihrem Schicksal folgt und sich der Dunklen Bedrohung erneut entgegen stellt, steht Tybay ein weiterer Krieg bevor. Die Velenzen, welche einst das ganze Volk der Uiani ausrotteten, drohen nun Tybay zu verschlingen. Prinz Necom, gerade mal sechzehn Jahre, sieht sich als Regent seiner größten Herausforderung gegenüber. Und dann ist da noch der letzte Uiani Anders, der blind vor Rache Tybay und die junge Prinzessin Anastasia in tödliche Gefahr bringt.

Taschenbuch Ausgabe (336 Seiten)
(ISBN 978-3-945230-00-8)
13,90 EUR

eBook
(ISBN 978-945230-01-5)
8,90 EUR

Leseprobe:

Der Weltenwandler

»Hier entlang!«, sagte Ethan.
Sie betraten eine Halle. Grace blickte sich um und sah dunkles Erdreich, welches den steinernen Wänden gewichen war. Feuchte, noch kühlere Luft schlug ihnen entgegen. Aus der Tiefe der Halle hörte sie das Rauschen eines Flusses. Das Vorankommen wurde schwieriger. Steinbrocken, Felsvorsprünge, loses Geröll und andere Hindernisse ließen ihre Füße stolpern. So mancher der hingefallenen Männer blieb reglos liegen. Niemand kümmerte sich um sie. Ihr Flehen verklang ungehört, weil sie sich auf der Flucht Schwache nicht leisten konnten, die sie tragen oder stützen mussten. Bereits so war ihr Entkommen noch ungewiss.
Nach wenigen Minuten kam der Fluss in Sichtweite. Es war ein reißender, weiß gekrönter Strom tobenden Wassers, das durch sein Flussbett donnerte. Gischt spritzte und Grace erschauerte unter der Kälte des Wassers.
»Das ist der Eisfluss! Er mündet in den Feuerfluss und gemeinsam fließen sie durch das Land, um es zu nähren!«, sagte Ethan.
»Ein Feuerfluss?« Grace wurde blass. Allein der Name erschreckte sie zutiefst.
Doch Ethan lachte und winkte ab.»Solange du nicht darin baden willst, ist er völlig ungefährlich!«
»Ha, ha, sehr witzig«, sagte sie humorlos.
Zu Grace‘ Entsetzen mussten sie den Fluss, auf dem tatsächlich Eisbrocken schwammen, überqueren. Ethan hielt zielstrebig auf einen steinernen Bogen zu, der das Wasser überspannte. Als sie näherkamen, bewahrheiteten sich ihre Befürchtungen. Es war keine Treppe in den Fels geschlagen worden, ebenso wenig wie es ein Geländer oder einen anderen Halt gab. Es war lediglich ein unebener, nasser und glitschiger Steg, der gute zwei Fuß breit war.
»Oh mein Gott! Das ist wohl nicht dein Ernst?« Noch ehe Grace die Worte ausgesprochen hatte, erklommen bereits die ersten Männer die natürliche Brücke. Mit traumwandlerischer Sicherheit überquerten sie die knapp hundert Meter.
»Der Steg ist breit genug, es ist ganz leicht!«, sprach er ihr Mut zu.
»Vielleicht für jemanden, der das ständig macht!« Dabei wusste sie nicht, was genau sie erschreckte. Sie hatte nie Angst vor großen Höhen gehabt, und drei Meter über dem Wasserspiegel konnte man auch kaum als hoch bezeichnen. Dennoch erstarrte sie bei dem Gedanken an die Überquerung. Sie zitterte so stark, dass sie fürchtete, durch ihre Ungelenkigkeit herunterzufallen. Als Kind war sie über umgefallene Baumstämme getobt, die nicht halb so breit gewesen waren. Aber dieser Steg, jetzt und hier, jagte ihr einfach Angst ein.
Regungslos beobachtete sie, wie ein Mann nach dem Anderen die Brücke überquerte. Bevor Grace zu erneutem Protest anheben konnte, packte Ethan sie und zerrte sie hinter sich her. Seine Schritte waren fest und zügig und Grace hatte gar keine andere Möglichkeit, als ihm zu folgen.
Sie hatten die Hälfte der Brücke geschafft, als verängstigte Schreie der Zurückgebliebenen Ethan erschreckt innehalten ließen. Bislang waren ihre Verfolger von der Dunkelheit der Halle und dem Lärm des Flusses verborgen gewesen. Jetzt hatten die Peel ihre Chesuls entzündet und ihre Waffen erhoben. Grace hörte Ethan neben sich überrascht aufschreien. Dann sah auch sie die Gestalt.
Es war ein Mensch, ein Mann. Klein im Gegensatz zu den Peel, die ihn umringten, doch groß für einen Menschen. Im schwachen Licht sah Grace feine, schwarze Stoffe mit eingewebten Goldfäden schimmern. Die Gestalt war tadellos gepflegt und hergerichtet, wie für ein Fest. Das Haar an den Schläfen war von silbernen Strähnen durchzogen. Doch sein Gesicht hatte sich kaum verändert. Er trug nach wie vor einen Vollbart, den er sorgfältig ausrasiert hatte.
Shawn.
Grace Herz machte einen freudigen Hüpfer und ihr Körper kribbelte erwartungsvoll. Sie wollte nach ihm rufen, doch ihre Kehle war wie zugeschnürt und sie wisperte seinen Namen.
Es war unmöglich, dass er sie gehört hatte. Dennoch hob er den Kopf und ihre Blicke trafen sich.
»Shawn!«, schrie sie aus voller Lunge. Grace riss sich vom überraschten Ethan los und rannte über den Steg.
Auf eine Geste von Shawn hin eröffneten die Peel das Feuer.
Grace prallte entsetzt zurück, als auch an ihr eines der unscheinbaren Kügelchen vorbei zischte. Völlig verwirrt blieb sie stehen.
»Mylady!«, rief Faija, der am Anfang der Brücke gewartet hatte. Er hetzte auf den Steg, drehte sie unsanft um und gab ihr einen Schubs. »Rennt, Mylady!«
Aber sie konnte es nicht. Da war wieder jene sinnlose und unerklärliche Furcht. Behutsam setzte sie einen Fuß vor den Anderen. Hinter ihnen entstand dichtes Gedränge und Faija wurde gegen Grace gestoßen. Sie verlor die Balance und stürzte auf den Steg, glitt ab und rutschte über den Rand.