Von mir an Dich … Stadtgeschichten

„Kann man einen Menschen mit freiem Willen so lange belügen, bis er selbst daran glaubt? Manipulation gehört zum Alltag und fängt schon bei so etwas Simplem wie einen Werbespott an. Doch was geschieht, wenn man die Lüge entlarvt und man feststellt, dass man zum Wohl eines anderen ausgenutzt und betrogen worden ist? Manchmal erkennt man eben nicht, was sich einem bietet.“

Herausgeber: Jakob Welik & Tobias Link
Verlag: Book on Demands, 2010
Taschenbuch, 56 Seiten

Leseprobe:

Die Rückseite

„Guten Morgen!“ begrüßte Jesse die Arbeiterin an der Ausgabe. Sie war in seinem Alter, Anfang Dreißig und eine gutaussehende Frau. Auch ihre Uniform war grün und passte sehr gut zu ihrem roten Haar.
„Dir auch!“ gähnte sie. „Hier dein Schlüssel. Und erschreck dich nicht, du fährst ab jetzt eine neue Strecke.“
„Ich habe eine neue Route bekommen?“ Jesse wurde ganz aufgeregt.
„Ja. Bist aufgestiegen.“ erklärte sie bündig. „Du darfst die Rückseite des Blockes beliefern. Dahinten steht deine Raupe.“ Sie zeigte auf das kleine Fahrzeug mit langem Anhänger. „Besser, du fängst gleich an und stehst nicht länger herum!“ tadelte sie ihn.
Jesse nickte begeistert. Welch wunderbarer Tag. Zumindest für ihn, denn der Arbeiter, dessen Strecke er bekommen hatte, würde sich darüber sicher nicht freuen.
Jesse hatte schon viel von der Rückseite gehört. Offenbar waren die Belieferungstüren dort auf der anderen Flurseite. Wie aufregend!
Jesse kicherte vor Vorfreude und seine Hände waren schweißnass. Er hetzte zu seiner Raupe, setzte sich hinein und drückte den Startknopf. Schon fuhr der Wagen automatisch gesteuert los. An den jeweiligen Belieferungstüren musste Jesse nur noch den Auslieferarm betätigen. Mit einem Scanner erkannte dieser das sortierte Paket auf dem Rollband. Der Greifer erfasste die Lieferung automatisch und stellte diese in den Anlieferraum der Wohnung. Dann würde der Arm zurückschwenken und die Tür schloss sich. Auf der anderen Seite, in den Wohnungen, ertönte ein Signal und die gelieferte Ware konnte herausgenommen werden. In einer Welt, in der immer mehr gearbeitet wurde, gab es letztendlich keine Zeit mehr, um noch Einkaufen zu gehen. Daher waren diese praktischen Wohnblöcke entstanden und mit ihnen zahlreiche Arbeitsplätze. Dafür war die Individualität des Einzelnen ausgestorben. Die Arbeiter wohnten in grauen Musterwohnungen ohne Fenster. Anspruchsvolle zwanzig Quadratmeter für einen Single. Einheitsmöbel, ihrem Zweck dienlich und robust. Restabfallschächte. Biologische Abfallschächte. Schächte für Wiederverwertbares Kunststoff oder Papier. Für Sondermüll oder Metall. Und nicht zu vergessen für Schuhe und Kleidung. Alles was man verwerten konnte, musste entsprechend getrennt werden. Jesse war da sehr genau. Er verbrauchte auch niemals seine kompletten Duschwasserrationen. Er lebte sehr gewissenhaft. Und so arbeitete er auch. Deswegen hatte er wahrscheinlich auch die Tour für die Rückseite bekommen.
Voller Begeisterung winkte Jesse auf seiner Tour den entgegenkommenden Fahrern zu. Diese sahen ihn überrascht und verwirrt an. Doch richtete er sich immer auf und rief freudig: „Ich bin der Neue! Ich beliefere jetzt die Rückseite mit Lebensmitteln!“
Er erreichte eine neue Etage. Noch 3059 Pakete zeigte der Computer an. Noch 3058. Noch 3057. Der Tag begann langweilig zu werden. Obwohl die Belieferungstüren hier auf der rechten Seite des Ganges lagen, unterschied sich der Lieferablauf nicht von der anderen Tour. Der Gang war sogar mit demselben Farbton gestrichen. Die Raupe hielt und im Display blinkte die Ziffer 3045. Jesse drückte den Knopf. Der Lieferarm fuhr hinaus und die Tür glitt auf. Dahinter kam der Anlieferungsraum in Sicht. Er war groß, so wie es sein musste, um auch größere Teile aufzunehmen. Der Lieferarm schwenkte wie gewohnt hinein, doch statt die Ware abzulegen, ertönte ein merkwürdiges Geräusch. Im nächsten Augenblick regte sich der Auslieferarm nicht mehr.
Jesses Hand schnellte vor und hielt kurz vor dem Notfallknopf inne. Er hatte ihn nie zuvor bedient, aber er wusste, wenn er ihn betätigte, dann käme sofort ein Reparaturdienst. Anderseits war heute sein erster Tag auf der neuen Route. Das würde kein gutes Licht auf seine Arbeit werfen. Zudem sah das Problem von seinem Platz nicht so schlimm aus. Es war zwar strengstens verboten, seinen Sitzplatz zu verlassen und in eine der Wohnungen einzubrechen, doch im Grunde war er doch gar nicht wirklich in der Wohnung, sondern nur in der Anlieferungsschleuse. Und das war nicht verboten. Zumindest redete es sich Jesse so selbst schön.
Mühsam kletterte er los, über den Lieferungsarm in den Raum hinein. Eine der Zangen hatte sich an einem losen Brett verklemmt. Mit ein wenig Körperkraft würde er sie vielleicht selbst los bekommen. Jesse zog so fest, wie er konnte. Mit einem Ruck kam der Arm frei, warf Jesse ab und schwenkte zum Wagen zurück. Im nächsten Augenblick schloss sich die Automatiktür, als der Belieferungsprozess abgeschlossen war. Um Jesse wurde es dunkel.
„Oh Nein!“ Er rannte los, flog halb über das Warenpaket und hämmerte gegen die Schleusentür zum Versorgungsgang. „Hilfe!“
„Ihre Ware wurde geliefert!“ erklang eine freundliche Computerstimme, dann glitt die jenseitige Tür auf.