Backnang Stories 2015

„Im letzten Jahr war mein Beitrag ein sagenhaftes Märchen mit Happy End. In diesem Jahr trieben mich eindeutig düstere Gedanken … und die Frage, wie sähe wohl ein moderner Superheld für Backnang aus.“

Herausgeber: Marc Hamacher
Verlag: Leseratten Verlag
Taschenbuch,194 Seiten
ISBN 978-3-945230-11-4
EUR 9,90

Leseprobe:

Backnangs Superheld

Mark Wöhrle studierte die Fallakte, während sie ins Krankenhaus nach Winnenden fuhren. Sein Partner, Fritz Keller, fuhr. Er fuhr immer. Zumindest seit Marks Beinahunfall vor zwei Monaten, kurz vor Weihnachten.
Mark wünschte sich, es hätte an der glatten Fahrbahn gelegen. Tatsächlich aber war wahrscheinlich der Restalkohol schuld gewesen. Fritz hatte ihm damals die Hölle heißgemacht.
»Verdammt, Mark! Mach so weiter! Ruinier Deine Karriere, aber lass mich da raus«, hatte er gebrüllt. »Ab sofort fahre ich! Keine Widerworte, sonst melde ich dich. Verdammter Idiot.«
Er war nicht so, dass sie sich nicht verstanden. Im Gegenteil. Sie waren seit mehr als fünfzehn Jahren Partner. Und wenn es nach ihm ging, dann würde das bis zur Rente so bleiben. Sie kannten die Marotten des anderen genau. Zudem waren sie ebenfalls privat füreinander da. Das war wohl auch der Grund, warum Fritz ihn nicht gemeldet hatte. Fritz verstand, was Mark durchmachte.
Laura, Marks Frau, war letztes Jahr im Sommer gestorben. Nicht einfach so. Auch nicht an einer Krankheit. Nein. Ein betrunkener Autofahrer hatte sie bei einer Shoppingtour umgefahren. Sie war sofort tot gewesen. Regina, die Freundin mit der Laura unterwegs gewesen war, erzählte jedem, der es hören wollte, wie heldenmutig Laura vorgesprungen war, um sie aus dem Gefahrenbereich zu stoßen. Mark hatte keinen Kontakt mehr zu Regina. Er konnte und wollte nicht. Und ehrlich gesagt verspürte er auch keine Schuld, wenn er sich wünschte, dass Regina an dem Tag totgefahren worden wäre und nicht seine geliebte Laura. Denn dann wäre sie noch hier. Bei ihm. Und seine Welt wäre noch in Ordnung. Er könnte noch schlafen und hätte kein Alkoholproblem. Letzteres war sowieso Paradox. Man sollte meinen, er würde die Finger vom Alkohol lassen. Immerhin hatte dieser seine Frau getötet. Doch Mark mochte den Schleier der Gleichgültigkeit und des Vergessens, welcher übermäßiger Konsum ihm schenkte.
Ihre Wohnung, die Laura geliebt und gepflegt hatte, war zu einem Ort der Trostlosigkeit verkommen. Ihre Blumen waren gestorben, genau wie sie. Und Mark zog nichts dort hin, außer zu den Dingen der Notwendigkeit. Zumeist aber schlief er irgendwo anders. Ab und an auch auf dem Stuhl in seiner Stammkneipe. Meistens konnte er sich hinterher nicht mehr daran erinnern.
Mark war nicht stolz auf sich. Jeden Tag versuchte er etwas zu finden, das ihm neuen Lebensmut schenken könnte. Damit wollte er ihren Tod überwinden und von neuem Beginnen. Doch die Dunkelheit und der Krummer in seinem Innersten ließen kein Licht und keine Hoffnung in sein Herz. Mark hatte keine Familie, die ihm Halt geben konnte. Lauras Familie war freundlich und versuchte ihn zu trösten. Doch er hielt es mit ihnen wie mit Regina. Er wollte keinen Kontakt. Er wollte Laura. Erst mit ihr hatte er richtig gelebt. Das Leben war unfair.
Lediglich seine Arbeit schenkte ihm Ablenkung vom Alltag. Denn seit ein paar Monaten hatte es die Polizei mit einem Serientäter zu tun, der hier in Backnang sein Unwesen trieb. Nun, Serientäter war eigentlich die falsche Bezeichnung, den er war nicht der Täter. Die Tagespresse sprach von Selbstjustiz. Von Backnangs Beschützer und Rächer. Aber auch von einem gütigen Superhelden, was ihnen die Arbeit erschwerte, dessen Identität aufzudecken. Denn der Schutzengel in Backnangs Gassen genoss den Schutz der Opfer, welche er gerettet hatte. Und die Verbrecher, die er hinter Gitter brachte, sprachen ebenfalls nicht.
Jetzt aber schien es so, als ob sie eine heiße Spur hätten.