YO-HO PIRATEN

„Hamburg. 2017.
Das Museum für Piraten, Meerjungfrauen und andere Mysterien wurde schon vor Jahren geschlossen. Trotzdem schleicht sich eine Gestalt heimlich in das Gebäude. Durch die leergeräumten Ausstellungsräume direkt zu dem Schiffswrack der L’Orient. Hinauf auf das Deck und hinein ins nächste Abenteuer. Denn als Jorg das Deck betritt, da liegt das Museum hinter ihm und das offene Meer direkt voraus.”

Herausgeber: Marc Hamacher
Verlag: Leseratten Verlag
Taschenbuch, 262 Seiten
ISBN 978-3-945230-24-4
EUR 13,00

Leseprobe:

Carpe diem

»Opa! Opa! Erzähl doch mal, wie war das damals als Pirat?«, rief der sieben Jahre alte Hans und kletterte bei seinem Großvater auf den Schoß. Die anderen Kinder, vier Mädchen und zwei Jungs – allesamt Klassenkameraden – setzten sich in einem Halbkreis um seinen Sessel.
»Das waren ganz andere Zeiten, Kinder«, fing Jorg an. »Wunderbare, aber auch gefährliche Zeiten. Den ganzen Tag waren wir an der frischen Luft, wir waren starke, braungebrannte Männer, hatten unsere Freiheit und waren mit dem Meer verheiratet!«
»Wie kann man mit dem Meer verheiratet sein?«, fragte Babsi. »Das geht doch gar nicht!«, erklärte sie altklug.
»Oh doch, das geht! Gell, Opa?«
»Nun ja. Verheiratet nicht in dem Sinne wie man das Wort heute benutzt, doch unsere Treue gehörte nur dem Meer. Wir blieben niemals lange in einem Hafen.«
»Warum?«»Nun ja, Piraten sind immer auf Ärger aus und darum haben uns die Seemächte wie Frankreich, Spanien und England gejagt. Es gab nur wenige Küstenstädte, in denen wir vor ihnen sicher waren. Hätten sie uns erwischt, dann hätten sie uns gehängt.«
»Die hätten euch gehängt?«, stotterte Felicita ängstlich und es klang fast so, als wolle sie gleich weinen.
»Heulsuse!«, rief Hans. »Mein Opa hat vor niemand Angst!«
»Aber nicht doch, Hans«, sagte er. »Wir alten Haudegen hatten auch ab und an die Hosen gestrichen voll. So ne Seeschlacht ist nicht ganz ohne. Egal ob wir gegen ein anderes Schiff gekämpft haben oder gegen ein Seeungeheuer.«
»Seeungeheuer gibt es gar nicht!«, erklärte Babsi nun und sah Felicitas überlegen an. »Davor brauchst du keine Angst zu haben.«
»Damals gab es die schon. Riesige Kraken und Wale, welche das Schiff attackierten, weil sie es als Bedrohung sahen oder einfach spielen wollten. Einmal wäre unser Schiff fast zerstört worden, doch wir hatten doch noch Glück!« Jorg lachte selig, als ihn eine Flut von Erinnerungen davon trieb. »Ach Kinder. Rum, Kartenspielereien und Weiber! Was waren das für Zeiten.«
»Papa!«, rief seine Tochter Karin aus der Küche. »Hör auf, so zu den Kindern zu reden. Die sind doch noch viel zu jung. Ich bekomm sonst nur Ärger mit ihren Eltern!«
Jorg äffte sie nach und die Kinder lachten.
Karin erschien in der Tür und stemmte verärgert ihre Hände in die Hüften. »Das habe ich genau gesehen«, sagte sie und zog dann Hans vom Schoß ihres Vaters. »Hans, du sollst doch nicht immer auf Opa klettern. Denk doch an sein Bein!«
»Was ist mit dem Bein?«, fragte Felicita neugierig.
»Ein Hai hat ihm das rechte Bein abgenagt!«, rief Hans und Felicita schrie vor Schreck.
»Papa! Was hast du den Kindern wieder erzählt? Du machst ihnen ja Angst.«
»Ach hör doch auf«, brummelte Jorg. »Das passiert doch heute auch noch.«