Backnang Stories 2017

„Im Doppelpack! In diesem Büchlein gibt’s gleich zwei Geschichten von mir“

Herausgeber: Marc Hamacher
Verlag: Leseratten Verlag
Taschenbuch, 180 Seiten
ISBN 978-3-945230-30-5
EUR 10,00

Leseproben:

Frederik, das Einhorn

»Puh! Endlich Feierabend!«, stöhnte Frederik und schüttelte seine Mähne mit einer fließenden Bewegung. Seufzend stellte er fest, dass seine seidige Haarpracht ihr ganzes Volumen verloren hatte. Und nicht nur seine Mähne war von den dreistündigen Strapazen vollkommen platt. Sein perlmuttfarben schimmerndes Fell hatte all seinen Glanz eingebüßt. Ihn schüttelte es bei dem Gedanken an die vielen klebrigen Kinderhände, die ihn den ganzen Tag über angetatscht hatten – zum aus der Haut fahren. Aber – hach – noch schlimmer als die Kinder waren die Jungfrauen. Was war das nur für ein grässlicher und anhaltender Irrglaube, dass nur Jungfrauen Einhörner sehen und streicheln könnten? Spätestens nachdem sein Foto auf dem TIME-Magazin gewesen war, hätte doch jeder verstanden haben müssen, dass diese Überlieferung Schwachsinn war. Aber na ja, die menschliche Rasse war halt eben ein wenig einfältig.
Dennoch kamen sie tagein, tagaus zu dieser Wanderausstellung, welche gerade in der Kreisstadt Backnang verweilte. Und wer konnte es ihnen verdenken, dass sie auch mal einen Blick auf das Letzte Einhorn erhaschen wollten? Die Jungfrauen. Die Kinder. Und natürlich auch die Kranken. Und auch die Glücklosen. Und auch die … nun, na eben alle!
Frederik verdrehte die Augen. Wie lächerlich! Er, das Letzte Einhorn! Schlimm genug das sie das glaubten. Aber was dachten sie, was er mit den Kranken und Glücklosen tun sollte? Handauflegen? Oder besser: Hufauflegen?

Haarige Beweise

Er wurde durchgewunken, als er an die Polizeiabsperrung des Tatortes kam.
»Sie müssen Stephan Prost sein«, wurde er von einem Polizisten mit Handschlag begrüßt.
»Der bin ich.«
»Ihr erster Mordfall?«
»Ja«, gab er zu und nickte, um das freudige Grinsen zu vertuschen, das sich in sein Gesicht schleichen wollte. Seine Freude darüber war an diesem Ort mit Sicherheit nicht angebracht. Stattdessen stellte er fest, dass er außerdem auch ziemlich nervös war, und wischte seine feuchten Handinnenflächen an der Hose ab. Sie waren in der Nähe der Mülldeponie zwischen Backnang, Steinbach und Oppenweiler. Hier gab es zahlreiche Wiesen und kleinere Waldstücke. Als Ortsfremder war der Platz mit dem Navigationsgerät im Auto nicht schwer zu finden gewesen.
Für einen kurzen Moment lauschte der Stuttgarter dem unbeeindruckten Gesang der Vögel. Ansonsten war es absolut ruhig hier. Nur gelegentlich fuhr ein Auto vorbei. Der Wind raschelte in den Laubkronen der Bäume und alles erschien friedvoll, wären da nicht die vielen Ermittler um ihn herum gewesen.
Jetzt reichte der Mann Stephan ein Klemmbrett und trat ein Stück zur Seite. Nun konnte Stephan die Leiche sehen. Es war eine Frau, er schätzte sie auf Anfang dreißig. Schlank, vermutlich durchschnittliche Größe – was schwer zu sagen war, wenn jemand lag. Ihre Augen waren geschlossen und sie sah aus, als würde sie in der Mittagssonne einfach ein Nickerchen machen. Wäre da nicht das Blut gewesen, das unter ihrem Gesicht wie ein blutrotes Kissen lag.