Die Täuschung – 1496

Über die Serie:
Er ist ein Meister der Hexerei. Doch ein Fluch, der ihn 1494 unsterblich macht, verlangt ein jährlich wiederkehrendes, tödliches Ritual. Die Suche nach einem Gegenzauber oder einem Artefakt, das den Fluch brechen kann, lässt ihn rastlos reisen – durch das gestern und das heute und durch abenteuerliche Länder. Während er Jahr für Jahr, immer auf der Suche nach Rettung ist – oder dem passenden Opfer, das seinen Platz einnehmen soll.

Herausgeber: Tanja Kummer
eBook-Novellen-Serie
ISBN 978-3-945230-09-1
Leseratten Verlag, 1. Auflage
ca. 115 Seiten
EURO 3,99

Leseprobe:

Die Täuschung

Auch an diesem Tag blieb es kalt. Am Ende des Arbeitstages hatte Thomas gelernt, wie man Ratten und Mäuse aufspürte und mit dem Besen oder anderen Werkzeugen erschlug. Zudem hatten sie am Abend Giftköder ausgelegt und Jakob wusste, dass ihre Mühe belohnt werden würde.
Einmal im Monat ließ Heinz die Angestellten nach Ungeziefer suchen, um die Waren zu schützen. In den Wintermonaten sogar öfter. Auch, um die Mitarbeiter zu beschäftigen. Jakob war immer wieder davon überrascht, welch kindliche Freude diese Jagd den Männern bereitete. Ebenso die Wetten, wie viele Tiere sie diesmal erwischten. Thomas war sofort einbezogen worden und erzählte Jakob, dass er ebenfalls getippt hätte.
»Was war dein Einsatz?«, fragte Jakob freundlich, obwohl es ihn im Grunde nicht interessierte.
»Ein Knopf von der Weste meines Vaters. Mutter hat sie abgeschnitten und verkauft, als Vater gestorben ist. Sie sind aus Horn und daher wertvoller als die aus Holz. Einer ist ihr weggesprungen und ich habe ihn gefunden. Eigentlich wollte ich ihn behalten, doch ich dachte, wenn ich gewinne, dann verliere ich ihn nicht, sondern bekomme was dazu«, erklärte Thomas kindlich.
Jakob nickte. Er würde morgen dafür sorgen, dass Thomas seinen Knopf behalten konnte. Es war nicht richtig, mit dem Jungen zu wetten. Seine Familie besaß ohnehin kaum etwas.
Als sie bei der Hütte waren, klopfte er mehrfach, doch niemand öffnete. Also drückte er die Klinke. Die Tür war nicht verschlossen.
»Warte hier!«, sagte Jakob, der Schlimmes ahnte.
Das Feuer im Kamin war verloschen. Es brannte auch nirgendwo eine Kerze. Die geschlossenen Fensterläden waren zusätzlich mit Tüchern verhangen, um die Kälte draußen zu halten. Durch die offene Tür drang kaum Licht herein und Jakob sah kaum etwas. Gerade genug, um den Tisch mit der Kerze und dem Feuerstein zu finden. Es dauerte einen Moment, bis er den Docht entzündet hatte. Jemand hustete in der Dunkelheit, ein anderer röchelte. Endlich erhellte der flackernde Schein der Kerze seinen Weg. Jakob ging zum Kamin und entfachte ein neues Feuer für mehr Licht und Wärme. Erst dann sah er sich in dem stinkenden Raum um. Der Anblick war grauenvoll. Die ganze Familie befand sich im Bett. Irmgard lag schwitzend und röchelnd in einem weißen Hemdchen in der Mitte. Die nackten Kinder daneben. Ihre schmutzigen Körper dampften in der Kühle des Raumes. Zumindest die der Mutter und drei der Kinder. Die kleine Doris aber lag tot dazwischen.
»Verdammt«, fluchte Jakob. Er eilte zur Tür. »Schnell, Thomas. Lauf und hole Liese… ähm, Maria. Sie soll saubere Tücher und Brennholz mitbringen.«
Der Junge nickte und rannte los. Es war nicht weit. Er würde bald mit Lilo zurück sein. Er musste sich also beeilen. Jakob nahm das Kleid der Mutter, welches neben dem Bett lag und breitete es am Boden aus. Dann nahm er den leblosen Körper der Zweijährigen und legte ihn darauf. Behutsam wickelte er sie hinein und verschnürte das Bündel.
»Gott gibt! Gott nimmt!«, murmelte er. »Möge deine unschuldige Seele im Paradies Frieden finden!« Abschließend nahm er die Leiche hoch und trug sie aus dem Haus. Jakob legte seine Last in einen Haufen aus Schnee und kehrte ins Haus zurück.
Zuerst berührte er Irmgard an der Stirn. Ihr Herz war schwach und Wasser sammelte sich in ihrer Lunge. Die Zwillinge, zwei Jungen im Alter von etwa vier Jahren, litten ebenfalls an der Grippe, waren aber in einer besseren Verfassung. Ihre älteste Tochter hatte der Mutter mit Sicherheit so lange geholfen, bis sie selbst vor Erschöpfung zusammengebrochen war. Sie würde die Nacht nicht überleben.
»Jakob?«, fragte Lilo, die in der Tür stand. Dann hörte er ihr Keuchen.
»Sorg dafür, dass der Junge zu Elsbeth kommt«, bat er sie. »Und komm schnell zurück. Ich brauche deine Hilfe.«
Lilo nickte abgehackt, setzte Tücher und Brennholz ab und hetzte mit Thomas in die Nacht hinaus. Unterdessen machte sich Jakob daran, Schnee im Kessel zu schmelzen. Er wusch die kranken Körper und rieb sie dann mit kaltem Schnee ab. Schließlich legte er die Familie auf die sauberen Tücher, die Lilo gebracht hatte. Die schmutzigen Kleider und Laken warf er ins Feuer, das fauchend aufflammte. Lilo brauchte länger, als er erwartet hatte. Als sie dann endlich da war, wusste er auch warum. Sie hatte einen Beutel mit Kräutern dabei, aus denen sie Tee kochen konnte. Ein Schlauch mit frischem Wasser, ein Töpfchen mit Honig und Schmalz. Sie fragte ihn nicht, wo das kleine Mädchen war, sondern machte sich schweigsam an die Arbeit.

Sie kämpften die ganze Nacht. Die älteste Tochter starb kurz nach Mitternacht an Entkräftung. Irmgard hielt bis zum Morgen durch, dann verstummte auch ihr rasselnder Atem.
Nur die Zwillinge waren kräftig genug um den Tod zu entgehen. Doch was sollte mit ihnen ohne Mutter oder Vater geschehen?
Jakob packte sie schweigend in zwei fast saubere Decken, dann machten sie sich auf den Weg zum Haus der Familie Körner, das neben dem Lager stand. Jakob klopfte so lange, bis ihnen jemand öffnete und sie hereinließ. Elsbeth blickte sie verschlafen an, nickte dann bekümmert und winkte ihre erschöpften und übernächtigten Besucher in die Küche, ehe sie Heinz holte. Danach bereitete sie ihnen ein kräftiges Frühstück.
An diesem Tag erkrankte auch Thomas. Schnupfen und Husten quälten ihn. Doch er überwand die Erkältung nur mit leichtem Fieber und war nach einer Woche wieder gesund. Genau wie seine beiden jüngeren Brüder, die unter der Fürsorge von Elsbeth rasch an Gewicht gewannen. Und nach dieser Woche wurde auch das Wetter endlich wärmer und der Frühling eroberte das Land.