1945

Herausgeber: Tanja Kummer
eBook-Novellen-Serie
Leseratten Verlag, 1. Auflage
ca. 105 Seiten
EURO 3,99

Leseprobe:

Raubkunstjäger

Nein. Er hatte nicht warten können. Dieses Buch war ihm so wichtig wie sein eigenes Leben. Es mochte sein, dass er es gelegentlich weggab. Doch er war immer zum Hexenhammer zurückgekehrt. Immer. Und er hatte es immer vor der Vernichtung oder einem Missbrauch seines Inhaltes beschützt – zumindest so gut wie es in seiner Macht gestanden hatte. Doch dieses Buch, in den falschen Händen, würde diese Welt … ja was eigentlich? Brennen lassen? Das tat die Welt schon. Lichterloh. War der Hexenhammer also womöglich bereits in den falschen Händen? Wenn ja, dann wäre es seine Aufgabe, sich darum zu kümmern.
Deshalb hatte er kommen müssen. Unverzüglich. Er musste wissen, was aus dem Hexenhammer geworden war.
Ihr Brief hatte ihn kurz vor Weihnachten erreicht. Jakob hatte augenblicklich mit den Planungen begonnen. Als Soldat an die Front zu kommen war unter diesen Bedingungen keine Herausforderung. Eine Solche hatte eher darin bestanden, dass er direkt eingesetzt wurde, denn ein ungeübter Freiwilliger erhielt – selbst zu diesen Zeiten – erst eine Grundausbildung. Doch Jakob hatte keine Zeit zu verlieren. Also meldete er sich als Feldsanitäter, die zahlreich gesucht wurden und schneller an die Front kamen.
Jetzt allerdings fragte er sich, ob er nicht vielleicht doch vorschnell und unüberlegt gehandelt hatte. Er wollte nicht vorgreifen, aber sie waren in einer ziemlich aussichtslosen Lage. Glaubte er etwa, unsterblich zu sein?
Jakob lachte humorlos.
Ja, mit 478 Jahren kann man schon mal so verwegen sein, das zu denken. Inzwischen bin ich jedenfalls mehr als lebensmüde, dachte er und sah zu, wie die Gewehrspitze höher wanderte und den Schutthaufen überragte.
Augenblicklich verstummte der Beschuss. Er hörte die Deutschen brüllen, doch die Stimmen waren zu weit weg, als dass er verstehen konnte, was sie sagten. Minutenlang unterhielten sie sich.
Dann war da ein anderes Geräusch. Etwas Großes, das sich langsam ihrem Versteck näherte. Offenbar glaubten die Deutschen wirklich, dass ihre Kapitulation eine Falle war. Sie schickten einen Panzer vor, während die Soldaten im Schutz des Kampffahrzeuges nachrückten.
Er könnte weglaufen. Die anderen zurücklassen. Darauf hoffend, dass die Nazis ihn nicht jagen und erschießen würden. Ein Einzelner. Kaum der Zeit und den Aufwand wert. Noch waren sie ein paar Häuser die Straße hinunter entfernt. Der Schutthaufen, hinter dem er und die sechs Männer halb erfroren ausharrten, verhinderte die Sicht auf ihn. Die Deutschen würden nicht gleich sehen können, dass er floh. Seine Kameraden allerdings schon. Aber was könnten diese schon tun? Ohne Munition konnten sie nicht mal einem Deserteur in den Rücken schießen.
Trotzdem. Er würde bei ihnen bleiben.