Sturm der Verbannten

Man erzählt sich, alle Völker seien von den Göttern erschaffen worden. Selbst die Cric. Bestialische Kreaturen, seelenlose Mörder, grotesk in ihrem Aussehen und ihrer Gestalt. Schwarze Schattengestalten der Menschen in einem natürlichen Panzer, mit langen scharfen Krallen und gefährlichen Reißzähnen. Ihr Auftrag soll es gewesen sein, das Gleichgewicht zwischen den Völkern, der Natur und der Magie der Götter wiederherzustellen. Also begannen die Cric zu jagen.
Erfolgreich.
Zu erfolgreich.
Und die Kreaturen, die dazu geschaffen worden waren die Welt zu retten, drohten sie nun noch schneller in den Untergang zu reißen. Doch den Göttern gelang es, die Cric rechtzeitig zu verbannen und eine neue Harmonie zu schaffen.
Heute erzählt man sich die Überlieferung über die Cric als ein Ammenmärchen, um unartige Kinder zu erschrecken.
Doch was, wenn alles wahr ist?
Und was, wenn der Bann gebrochen wäre?

Taschenbuch Ausgabe (332 Seiten)
(ISBN 978-3-945230-26-8)
13,90 EUR

Hardcover Ausgabe – Limited Edition (352 Seiten)
(ISBN 978-3-945230-28-2)

eBook
(ISBN 978-945230-27-5)
8,99 EUR

Zusatzinhalt der Limited Edition:

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Leseprobe:

Wer bist du?, fragte sie sich.
Was denkst du, wer er ist?, pfiff der Wind um sie. Sie hörte sein väterliches, stolzes Lachen und eine Ahnung stieg zusammen mit einem Schauder in ihrem Körper auf.
Glaube es!
Es wurde Zeit für Eves Auftritt. Sie schoss um die Ecke und war nur noch vier oder fünf Meter von den entsetzten Marwens entfernt. Vereinzelte Schreckensrufe erklangen, der Wagen hielt ruckartig an und ein paar Soldaten wichen erschrocken zurück.
Für die kleinen Marwens musste das Tier vor ihnen gewaltig sein, zumal Eve ihr gesamtes Federkleid aufgeplustert hatte. Soweit es die Enge der Schlucht zuließ, hatte der Adler seine Schwingen ausgebreitet und hüpfte gebückt auf die Marwens zu, den Schwanz aggressiv gespreizt und in die Höhe ragend. Die kleinen Knopfaugen des riesigen Raubvogels fixierten jede Bewegung der Beute. Der gewaltige, gekrümmte Schnabel öffnete sich und ein spitzer Schrei erklang.
Den Soldaten gefriert vor Angst sicher das Blut in den Adern, dachte Shirl und lächelte zufrieden. Gut so.
Die übergroßen Adler waren eine Zucht der Xayer. Sie erlaubten es ihnen, dem Wind so nah wie irgendwie möglich zu sein. Die über viele Generationen hinweg gezüchteten Nutztiere wurden für die Jagd und zum Schutz der Xayer eingesetzt. Sie zu fliegen war eine Ehre, welche nur den gut ausgebildeten Jägern vorbehalten war. Shirl und Bow gehörten dazu.
Jetzt ließ sich Shirl von der Felsnische aus auf den Wagen hinabfallen. Sie überwand so fast vierzig Meter und benutzte dabei den in ihrer Kleidung zwischen Armen und Hüften eingenähten Stoff, um die Luftströmungen richtig zu nutzen. Fliegen konnte sie damit zwar nicht, aber durchaus gleiten oder tiefe Stürze abfangen. Es erforderte Mut, Geschick und viel Übung zu tun, was sie taten. Darum waren sie die Auserwählten ihres Volkes.
Shirl nutzte den Schwung aus und glitt vom Wagen. Ehe die verblüfften Marwens überhaupt begriffen was geschah, hatte sie den einfachen Riegel bereits geöffnet. Aus dem Inneren erklang ein freudiger Ruf, die Tür flog auf und Bow sprang heraus.
»Das wurde aber auch Zeit!«, neckte er und grinste sie dankbar an. Dicht hinter ihm drängten zwei Männer ins Freie. Dann war der Moment der Verwirrung vorbei und die Marwens zogen ihre Waffen.
»Tu was!«, rief Bow und streckte ihr seine gefesselten Hände entgegen. Shirl nickte und wirbelte auf der Suche nach etwas herum, womit sie die Ketten lösen konnte. Dabei spürte sie die schmeichelnde Umarmung des Windes. Sie erstarrte. Ihre Augen verfingen sich im Blick des Fremden und in den Tiefen seiner himmelblauen Augen.
Befreie ihn!, säuselte der Wind.
Shirl sah sich erneut hektisch um. Dann rannte sie zum Wagen und löste das Ende der Kette, die den Fremden daran festhielt. Um Shirl herum herrschte das Chaos. Sie sah ihren Bruder mit einem Marwen ringen, obwohl seine Hände noch gefesselt waren. Die Mitgefangenen kämpften ebenfalls. Der Größere ließ seine geballte Faust auf den Kopf eines Marwen niedersausen. Dann bückte er sich nach dem Schwert und warf die Waffe mit einem Ruf seinem Gefährten zu. Anschließend warf er sich waffenlos auf den nächsten Angreifer. Auf der anderen Seite des Wagens schrie Eve schrill auf. Shirl konnte sie nicht mehr sehen, ahnte aber, dass inzwischen auch sie angegriffen wurde. Wie um diese Vermutung zu bestätigen, hörte Shirl das Geräusch des Gefieders, als Eve heftig mit den Flügeln schlug. Sicher versuchte sie so, ihre Angreifer wieder auf Distanz zu bringen. Unbehelligt von den Kämpfen standen Shirl und der Fremde sich gegenüber. Fast so, als wenn sie zum richtigen Zeitpunkt am falschen Ort wären. Langsam ging sie auf ihn zu. Mehr und mehr versank die Welt um sie herum in einem dichten Nebelschleier. Auch die Geräusche blieben zurück. Ihr hoffnungsvoller Blick wurde gefangen durch die Klarheit seiner bittenden Augen.
»Bleib stehen, Mädchen!«
Shirl erstarrte. Der Nebel verpuffte. Rechts neben sich sah sie einen Marwen. Obwohl seine Schwertspitze fast ihren Leib berührte, verspürte sie keine Furcht. Sie bemerkte die Bewegung aus dem Augenwinkel, als sich der Fremde auf den Marwen stürzte und ihn aus Shirls Reichweite stieß.
Der Marwen stolperte zur Seite und fiel zu Boden. Jetzt stand der Fremde ganz dicht bei Shirl. Augenblicklich machte sie sich daran, den Knoten zu lösen, der das Tuch fixierte.
»Nein, tut das nicht!«, schrie der Marwen. Doch sein Ruf konnte es nicht mehr verhindern. Das Tuch glitt vom Kopf des Fremden. Im nächsten Moment heulte eine Böe heran, erfasste den Stoff und riss ihn wütend davon. Ehe Shirl begriff, was hier wirklich geschah, hatte der Fremde sie gepackt und wie zu einer Umarmung an sich gezogen. Doch die Geste war nicht dazu gedacht, ihr seine Dankbarkeit zu zeigen.
Hinter ihr verstummte der Kampflärm und es wurde ganz ruhig. Shirl blickte sich um und sah, wie die Soldaten, ihr Bruder, die beiden Gefangenen und die Marwens sie anstarrten. Es dauerte einen Moment, bis sie begriff, dass sie nicht sie oder den Fremden ansahen, sondern das, was sich hinter ihnen befand. Ein Schauer rann über ihren Rücken, als sie den Kopf zurückdrehte und an dem Mann vorbei sah, der sie hielt. Einige Schritte hinter ihnen erhob sich ein kleiner Tornado in den Himmel. Obwohl kein Wind in der Schlucht wehte, ahnten alle, welch fürchterliche Naturgewalt gleich über sie hereinbrechen würde.